Auf den ersten Blick verbindet die Themen Abtreibung und Außenpolitik nur wenig. Außenministerin Hillary Clinton musste sich nun zu Abtreibung, einem der umkämpftesten Themen der amerikanischen Innenpolitik, in Verbindung mit der Außenpolitik der Obama Administration in einem Ausschuss äußern. Eine zentrale Frage, die sich Geschichts- und Politikwissenschaftler in diesem Zusammenhang stellen, ist inwiefern innenpolitische Debatten außenpolitische Entscheidungen beeinflussen. Ein Blick in die Geschichtsbücher verrät, dass das 20. Jahrhundert zahlreiche Episoden bietet, die die Wechselwirkung zwischen nationalen Themen und internationaler Politik in Washington illustriert.
Der Isolationismus der 1930er Jahre—u.a. eine Reaktion auf den amerikanischen Kriegseintritt in den 1. Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise—erschwerte es Franklin D. Roosevelt erheblich in den 2. Weltkrieg einzugreifen. Erst der japanische Angriff auf den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941—über zwei Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen—ermöglichte es Roosevelt offen und nun in vollem Ausmaß Hilfe und Truppen zu entsenden.
Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel ist der McCarthyismus Anfang der 1950er Jahre. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entwickelte sich eine Hexenjagd auf Personen, Gruppen und Organisationen, die beschuldigt worden waren, Teil einer globalen kommunistischen Verschwörung gegen die USA zu sein. Intellektuelle, Juden, Künstler, Schriftsteller oder Homosexuelle wurden hierbei besonders angegriffen. Diese Diskreditierungs- und Verleumdungspolitik, die vor allem durch Senator Joseph McCarthy und seiner rechten Hand Roy Cohn in öffentlichen Ausschüssen betrieben wurde, kam erst zu einem Ende, als McCarthy & Cohn begannen, das Militär ins Fadenkreuz zu nehmen.
McCarthyismus setzte die Truman Administration ebenfalls schwer unter Druck, international Stärke gegenüber der Sovietunion zu zeigen. Wurde Truman doch der Sieg der Kommunisten in China gegen die nationalistischen Kräfte, 1949, bereits als „Loss of China“ angelastet. Trumans Entscheidung die nordkroeanische Invasion Südkroeas, 1950, über den 38. Grad hinaus in nordkoreanisches Gebiet zurückzuschlagen und Korea somit militärisch zu vereinigen, ist daher eng mit dem innenpolitischen Klima in Washington verknüpft.
Hillary Clinton hat nun vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses die Außenpolitik der Obama Administration in Verbindung mit dem innenpolitisch aufgeladenen Thema Abtreibung rechtfertigen müssen. Der Abgeordnete Christopher Smith (Republikaner, New Jersey) fragte Clinton, ob es die Außenpolitik der Obama Administration sei, anti-Abtreibungsgesetze und -regelungen direkt oder durch internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, die Afrikanische Union, die Organisation der Amerikanischen Staaten oder NGOs in afrikanischen oder lateinamerikanischen Ländern aufzuweichen. Im Gegensatz zu den allzu üblichen ausweichenden Antworten und den von Phrasen und Allgemeinheiten durchtränkten Beteuerungen, reagierte die Außenministerin mit einem knappen, präzisen und deutlichen Statement. Sie löste darin nicht nur die oft vereinfachte „Pro Life/Pro Choice“ Gegenüberstellung auf, sondern gab Smith eine Unterrichtsstunde zum Thema Abtreibung in Afrika und Lateinamerika. Eine weitere unübliche Szene für einen eher formell anmutenden Ausschuss unterstreicht darüberhinaus Clintons schlagkräftige Reaktion: ihre Antwort wurde mit lautem Applaus gewürdigt.