Nach den peinlichen Diskussionen über den Austragungsort der Obama-Rede fand letzten Donnerstag, am 24. Juli, endlich der mit Spannung erwartete Auftritt statt. Der noch nicht US-Präsident, noch nicht offizielle Präsidentschaftskandidat der Demokraten und eigentlich nur schnöde Senator aus dem US-Bundesstaat Illinois, Barack Obama, hielt seine Rede zur Bedeutung der transatlantischen Beziehungen zwischen den USA und Europa vor mehr als 200.000 Menschen an der Siegessäule in Berlin. Ein Erfahrungsbericht zwischen Musik, Currywurst und Obama.
Nachdem das Wahlkampfteam um Obama angekündigt hatte, seine einzige öffentliche Rede im Rahmen seiner knappen „Auslandstournee“ durch die Krisenregionen und Partnerländer des Nahen Ostens sowie Europas in Berlin zu halten, waren die Erwartungen groß. Offizielle Schätzungen vor Obamas Rede bezifferten die zu erwartende Menschenmasse an der Siegessäule und der eigens errichteten „Fan-Meile“ zwischen zehntausend und einer Million: Die perfekte Kulisse für bedeutungs- und symbolträchtige Bilder für das eigentliche Zielpublikum Obamas, den Wählern in den USA. Zuhause haftet dem jungen Senator nämlich noch das Stigma der Unerfahrenheit in Sachen Außenpolitik an. Obamas Auslandsreise und seine Grundsatzrede sollten diese Zweifel beseitigen.
Der Weg vom S-Bahnhof Unter den Linden zur Siegessäule erinnerte mit jedem Meter, mit dem man den Sicherheitskontrollen näher kam, an die „Fan-Meilen“ vergangener Großveranstaltungen: Riesige Leinwände, Currywurst- und Pommesbuden, Getränkestände und natürlich die obligatorischen Vertreiber inoffizieller Fanartikel und dubioser Botschaften in Form von unzähligen Handzetteln (Franklin D. Roosevelt musste beispielsweise für die Forderung nach einer Aufrechterhaltung von Hillary Clintons Bewerbung herhalten). Neben dem internationalen Tierschutzbund WWF, der auf die drohenden Konsequenzen des Klimawandels aufmerksam machte, war besonders die Gruppe der in Deutschland lebenden demokratischen Amerikaner, die Democrats Abroad, lautstark vertreten. Gestaffelt aufgestellt und mit Listen bewaffnet, waren deren Aufforderungen „US citizens, register to vote!“ immer wieder zu hören. Anders als in Deutschland erhalten Amerikaner keine Wahlbenachrichtigung. Sie müssen sich deshalb im Vorfeld selbst aktiv bemühen und sich registrieren lassen, damit sie am Wahltag auch ihre Stimme abgeben können.
Vorbei also an Button-Verkäufern, T-Shirt-Verteilern und Grillständen stand nur noch die überaus penible Sicherheitskontrolle zwischen dem interessierten Zuschauer und Obama. 90 Minuten anstehen an einer ungefähr sechs Meter langen Schlange bei 30° Celsius waren da kein Zuckerschlecken. Die Musik, die das Warten vergebens zu verkürzen versuchte, deutete zu diesem Zeitpunkt bereits an, was hinter den Kontrollen zu erwarten war. Während in der Schlange noch moderner Hip-Hop und Popmusik à la Justin Timberlake das Durchschnittsalter der Obama-Jünger erraten ließ, spielte an der Siegessäule bereits der deutsche Reggae-Sänger Patrice. Später rundete die deutsche-irische Band Reamonn die Festival-Atmosphäre unter den überwältigend jugendlichen Besuchern ab: Sommer, Sonne, Bier und Live-Musik …
Als um 19 Uhr die Musik endlich stoppte und der über dem Tiergarten schwebende Sicherheitshubschrauber die sich nähernde Wagenkolonne Obamas anzeigte, ertönten vereinzelte „Obama, Obama“ und „Yes, we can“-Rufe. Um 19:18 Uhr mitteleuropäische Sommerzeit war es dann soweit: Barack Obama kam in seiner etwas schlaksig wirkenden Art winkend und mit einem breitem Lächeln vom Fuße der Siegessäule über den extra errichteten Steg zum Rednerpult geschlendert. Er winkte in die Kameras der Pressetribüne, klatschte und bedankte sich bei den ihm entgegenstreckten Digital- und Handykameras der jubelnden Masse. Es war der Empfang und die Kulisse, die sich das Obama-Team erhofft hatte.
Die knapp halbstündige Rede mit dem Titel „A World That Stands as One“ verdrängte in der Folge die unbeschwerte Partyatmosphäre. Die Menschen hörten Obama neugierig, aber nicht euphorisch zu. Amerikanische Wahlkampfveranstaltungen tendieren zu weitaus ekstatischeren Jubelorgien. So gab es an der Siegessäule auch keinen „Einheizer“, der die Massen aufgeputscht hätte und Obama unter tosendem Applaus als „the next President of the United States“ angekündigt hätte. Ganz im Gegenteil. Obama wies gleich zu Beginn darauf hin, dass er als „stolzer Bürger der USA und Mitbürger der Welt“ sprechen wolle. Er entwickelte seine Rede entlang seiner multi-ethnischen Herkunftsgeschichte, der Werte und Ideale, die Europäer mit Amerikanern teilen und die in der deutschen – insbesondere der Berliner – Geschichte ihren Ausdruck gefunden hätten: Die Luftbrücke, der Kalte Krieg, der Mauerfall. Das Bild der einst geteilten Stadt Berlin, nach Jahrzehnten wieder vereint, fügt sich scheinbar nahtlos in seine Vorwahlkampfrhetorik, die besonders von einer über politische Grabenkämpfe hinweg reichenden ‚Einheit’ geprägt war.
Obama wollte aber nicht nur gefallen. Denn die entscheidenden Wählerstimmen warten in den USA und nicht in Berlin. So lenkte er von der Interessen- und Wertegemeinschaft zwischen Amerika und Europa ausgehend die Aufmerksamkeit auf die Krisen und Probleme des 21. Jahrhunderts. Obama hob den nationale Grenzen überschreitenden Charakter der heutigen Konflikte hervor und betonte: „Keine Nation, egal wie groß oder mächtig, kann diese Herausforderungen allein bewältigen.“ Mit einer klaren Absage an den beratungsresistenten Unilateralismus der Bush-Administration, aber auch einer deutlichen Forderung an Europa erklärte Obama, dass Zusammenarbeit und eine Verteilung der Lasten unabdingbar seien. So forderte er eine klarere und umfangreichere Beteiligung der europäischen Länder speziell in Afghanistan: „Das afghanische Volk benötigt unsere und eure Truppen, unsere und eure Unterstützung, um die Taliban und Al Qaida zu besiegen.“ Darüber hinaus machte Obama deutlich, dass mit einem Wechsel im Weißen Haus keine Verringerung, sondern vielmehr eine Intensivierung der europäischen und amerikanischen Aktivitäten in den Krisenregionen verbunden sein müsse.
Neben diesen erwarteten Forderungen kündigte Obama unter anderem an, sich den Problemen und Ursachen des Klimawandels anzunehmen, eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes einer globalisierten Welt zu erreichen, den Nahost-Konflikt neu anzupacken, Iran von seinen nuklearen Ambitionen abzubringen, den Irak-Krieg zu beenden, eine „starke“ Europäische Union zu unterstützen und – dies kam durchaus unerwartet – den Prozess der atomaren Abrüstung wieder zu beleben. Wenn die Erwartungen an eine mögliche Obama-Präsidentschaft zuvor hoch waren, so hat er sie nicht gebremst. Aber vielleicht bedarf es großer Ziele, um Großes zu erreichen.
Obamas Berlin-Rede sprach die Enttäuschungen der letzten acht Bush-Jahre vieler Europäer an und bot einen Wechsel im Umgang miteinander an: Kooperation, Partnerschaft und Zusammenarbeit waren die Schlüsselwörter. Dass ein amerikanischer Präsident – auch Barack Obama – im Zweifelsfall immer unilateral handeln wird, darf trotz allem nicht vergessen werden. Die Botschaft an die Europäer jedoch war, dass seine Außenpolitik nicht auf eine überhastete Politik der militärischen Drohungen und Alleingänge abzielen würde. Vielmehr will Obama den Dialog und internationale Kooperation wieder in den Vordergrund rücken. Diese Botschaft stieß beim Berliner Publikum auf große Gegenliebe. Auch wenn die Menschen insgesamt weniger euphorisch als vielleicht erhofft reagierten, so wurde die Rede zum Abschluss nichtsdestotrotz mit großem Applaus und Sprechchören gefeiert. Nochmal winken, nochmal klatschen, Händeschütteln und dann war alles vorbei. Die Bilder im Kasten, das Berliner Publikum zufrieden. Letzter Stop: das Nobelrestaurant Borchert zum „late dinner“.
In einem eher missglückten Versuch, das Medieninteresse auf sich zu lenken, trat am selben Tag der Rede Obamas republikanischer Kontrahent John McCain vor einer handvoll Menschen in einem deutschen Restaurant mit dem Namen „Schmidts Würstchenhaus“ in Ohio auf. Über die ungeteilte Aufmerksamkeit, die Obamas Reise und seine Rede erhielten, zeigte sich McCains Wahlkampfteam bereits äußerst zerknirscht. Ob die Berliner Rede Obamas Defizite hinsichtlich seiner vermeintlichen außenpolitischen Unerfahrenheit in den Meinungsumfragen und letztendlich an den Wahlurnen im November wettmachen kann, ist nicht abzusehen. Fest steht jedoch, dass sein Auftritt unbezahlbare Bilder für den finalen Wahlkampf im Herbst produziert hat. Berlin, die Siegessäule und Obama: das sind die Bilder, die einen zentralen Platz in den nächsten Wahlkampfspots erhalten werden.
Video und der offizielle Redetext zur Verfügung gestellt vom Obama-Wahlkampfteam.



[...] Barack Obamas Rede in Berlin liegt nun bald ein dreiviertel Jahr zurück. Die Szenen der unzähligen Freiwilligen der Democrats Abroad, die auf dem Weg zur Siegessäule die Massen abfragten, ob sie für die amerikanischen Präsidentschafts- und Kongresswahlen im November 2008 registriert gewesen seien, waren besonders eindrucksvoll, symbolisierten sie doch einen Wahlkampf, der weit größere Massen politisierte und mobilisierte und der somit tatsächlich die seit fast 50 Jahren höchste Wahlbeteiligung (61%) in den USA generierte. [...]