Als direkter Nachbar teilt Kanada mit den USA nicht nur die längste unbefestigte Grenze der Welt. Beide Länder verbindet ebenso eine eng miteinander verknüpfte Geschichte und Kultur. Darüberhinaus stellt Kanada den größten Energielieferanten und wichtigsten Handelspartner Amerikas dar. Wenn im Januar 2009 Barack Obama oder John McCain als frisch gewählter US-Präsident in das Weiße Haus einziehen wird, so ist dies für Kanada von großer Bedeutung. Wen also favorisieren Kanadier, wenn im November in den USA gewählt wird?
Die kanadische Öffentlichkeit verfolgt den Wahlkampf zwischen dem demokratischen und dem republikanischen Kandidaten ausführlich. Viele Kanadier haben außerdem Verwandte, Freunde oder berufliche Kontakte in den USA, so dass der Präsidentschaftswahlkampf stets präsent ist. Einer Harris-Decima Umfrage (Mai 2008 ) zufolge würden 55% der Kanadier ihre Stimme für Obama und lediglich 15% für McCain abgeben. In den USA liegt Obamas Vorsprung vor McCain bei vergleichsweise knappen 5%. Befindet sich Kanada also im Obama-Fieber? Und viel wichtiger: Ist diese Haltung mit tatsächlichen kanadischen Interessen zu vereinbaren?
Diese Fragen diskutierte John Ibbitson, zuständig für die US-Berichterstattung der größten kanadischen Tageszeitung Globe and Mail, in einem Essay und einer darauf folgenden Online-Diskussion im vergangenen Juni. Ibbitson argumentiert, dass, obwohl die überwältigende Mehrheit der Kanadier Obama favorisieren, Kanadas Interessen sich viel eher im Wahlkampfprogramm von Senator McCain wiederfänden. So sei Obama zwar in Sachen Außenpolitik und internationalen Themen der kanadischen Regierung in Ottawa näher als McCain. Die kanadisch-amerikanischen Beziehungen sind jedoch vor allem durch wirtschaftliche Verbindungen geprägt. So verfolge McCain eine Wirtschaftspolitik, die auf Freihandel setze und das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) verteidige. Im Gegensatz dazu, so Ibbitson, treibe Obama eine protektionistische Wirtschaftsagenda vorran. Diese würde kanadischen Unternehmen den Zugang zum amerikanischen Markt erschweren und somit zentrale kanadische Interessen beschneiden.
Obamas Position zum NAFTA ist tatsächlich weit weniger deutlich. Während des Vorwahlkampfes in den stark industriell geprägten Bundesstaaten Ohio und Pennsylvania kritisierte Obama das Abkommen scharf. Er forderte, dass die NAFTA-Vereinbarungen zu Gunsten der amerikanischen Arbeiter notfalls neu verhandelt werden müssten. Darüber hinaus versprach er, die „Big Three“ der Automobilbranche (General Motors, Ford und Chrysler) in der Grenzstadt Detroit in ihrem Bestreben umweltfreundliche Autos auf amerikanischer Seite zu produzieren, zu unterstützen. Obamas Ziel, die USA von ihrer Ölabhängigkeit zu lösen, richtet sich ebenfalls gegen kanadische Interessen. Kanada ist mit 15% der größte Öllieferant der USA (es folgen Saudi Arabien und Venezuela mit jeweils 14% sowie Mexiko mit 12%). Zudem wurden in jüngerer Zeit weitere Ölvorkommen in Westkanada entdeckt. Sollte Obama gewählt werden, wirklich die Ölimporte drosseln und verstärkt die CO2 Emissionen beschränken, so hätte dies tiefgreifende Auswirkungen auf die kanadische Energieindustrie.
Inwiefern diese Wahlkampfrhetorik im Falle eines Sieges Obamas in tatsächliche Politik umgesetzt würde, ist an dieser Stelle nicht zu beantworten. Zweifel an Obamas harter NAFTA-Linie kamen jedoch bereits während des Vorwahlkampfes auf. So stellte sich heraus, dass Berater Obamas im kanadischen Konsulat in Chicago besorgte Botschaftsvertreter besänftigt und ihnen versichert hätten, dass die ablehnenden Äußerungen Obamas zum Handelsabkommen vor allem dem Wahlkampf geschuldet seien. Das Durchsickern dieses Treffens hatte zu einer zwischenzeitlichen Auseinandersetzung zwischen der kanadischen Regierung und Obamas Wahlkampfteam geführt. Der ehemalige amerikanische Botschafter in Ottawa, Gordon Griffin, ein Demokrat, versuchte nun zu beschwichtigen und erklärte: „Ich bin optimistisch, dass wir einem produktiven und konstruktiven Wechsel entgegensehen – und nicht einem Rückzug unseres Engagements in Kanada.“
Andere Stimmen sehen einen Sieg Obamas und dessen Konsequenzen im Hinblick auf kanadische Interessen weitaus kritischer. Raymond Chrétien, ehemaliger Gesandter Kanadas in Washington, orakelt, dass ein Obama-Sieg sowie ein großflächiger Sieg der Demokraten im Kongress im November bestehende Handelsabkommen wie den NAFTA wieder zur Neuverhandlung auf den Tisch bringen würden. Vor dem Hintergrund einer drohenden Rezession sei dadurch eine restriktivere Politik in Bereichen wie Handel, Immigration und den Grenzabkommen zu befürchten. So hätten sich bereits kanadische Wirtschaftskreise bei Premierminister Stephen Harper über eine ‚Verengung’ der Grenze zu den USA seit den Anschlägen vom 11. September 2001 beklagt.
Für wirtschaftsorientierte Kanadier wäre Barack Obama also nicht die logische Wahl. Dass sich trotzdem derart viele Kanadier in den Umfragen für Obama aussprechen, deutet darauf hin, dass besonders Themen, die auf einer ähnlichen Wertegrundlage basieren, eine große Rolle spielen: Der Umweltschutz, eine allgemeine Krankenversicherung und eine weniger konfrontative Außenpolitik. Ibbitson von der Globe and Mail erklärt: „Kanadier sehen in Barack Obama vielleicht den Premierminister, den sie nie hatten.“ Während in Ottawa seit jeher wenig inspirierende weiße mittelständische Männer regieren, repräsentiere Obama die multikulturelle Realität Kanadas, so Ibbitson. Obamas gern und viel zitierte multi-ethnische sowie internationale Herkunft bietet vielen Kanadiern eine breite Identifikationsfläche. Ibbitson bringt die Gefühle vieler Kanadier auf den Punkt: „Barack Obama sollte nicht zu den USA gehören. Er gehört zu uns.“
