Wenn am 3. Juli diesen Jahres die Stadt Québec – Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Kanadas – ihr 400jähriges Gründungsjubiläum feiert, erreicht eine weitere Episode im kanadischen Ringen um eine nationale Identität ihren Höhepunkt. Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht die öffentliche Deutungshoheit über das Jubiläum. Während die Bundesregierung unter Premierminister Stephen Harper die 400-Jahr-Feier vor allem als ein Ereignis in der Geschichte Kanadas verstanden wissen möchte, verweisen Politiker Québecs auf die historische Bedeutung der Gründung ihrer Stadt für die Entstehung einer frankophonen Gesellschaft in Nordamerika.
Das Erinnern und Gedenken historischer Ereignisse und Personen gehört zu den zentralen Ritualen in der Ausformung von nationalen Identitäten. Durch öffentliche Rituale wie Jubiläen, feierliche Akte oder historische Zeremonien wird nicht nur Bedeutung erzeugt und transportiert; es wird ebenfalls das historische und kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft entscheidend geprägt. In solchen Momenten wird das kollektive Gedächtnis ausgehandelt, aktualisiert und für die Einordnung von gegenwärtigen Handlungen legitimiert. Die daraus entstehenden Narrative, d.h. Geschichtsbilder und -verständnisse, dienen somit als Interpretationsmuster für Vergangenes und Gegenwärtiges.
Québec war in seiner 400jährigen Geschichte vielfach Austragungsort entscheidender historischer Entwicklungen. Sie symbolisiert somit verschiedene Zäsuren der frankophonen sowie gesamtkanadischen Geschichte. So wird der 3. Juli 1608 als jenes Datum zelebriert, an dem der französische Kartograph und Entdecker Samuel de Champlain Québec als eine der frühen dauerhaften Siedlungen in Nordamerika errichtete. Auch wenn die Gründung Québecs nicht die erste permanente französische Siedlung darstellt, so stellt sie die Geburtsstunde einer frankophonen Gesellschaft und den Beginn des französischen Kolonialreiches in Nordamerika dar. Fast genau 150 Jahre später wiederum repräsentiert Québec das Ende Neufrankreichs nach dessen Eroberung durch die britischen Truppen im Jahre 1759. Im Verlaufe des US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges stand Québec Stadt, 1775/76, erneut im Zentrum der Aufmerksamkeit als ein Eroberungsversuch durch die revolutionären Kolonisten und somit eine Abtrennung Kanadas vom britischen Kolonialreich verhindert wurde. Ein weiterer historischer Meilenstein der Stadt stellt die Formulierung der grundlegenden Bestimmungen für die Gründung Kanadas in seiner föderalen Konstitution als Dominion of Canada, 1864, dar.
Eine Liste historisch bedeutsamer Ereignisse der Stadt Québec für die Identitätsstiftung der frankophonen Bevölkerung aber auch für die gesamtkanadische Geschichte ließe sich beliebig weiterführen. Ein Besitzanspruch auf ein exklusives Gedenkanrecht ist vor diesem Hintergrund historisch weder ableitbar noch sinnvoll. Vielmehr spiegelt die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit zweierlei wider: Einerseits die eurozentristische Geschichtsnarration der zwei Gründernationen – also der Briten und Franzosen – welche die Rolle der indigenen Bevölkerung aber auch anderer europäischer und vor allem im 20. Jahrhundert asiatischer Einwanderungsgruppen in der Entwicklung Kanadas ausblendet. Anderseits stellt das Gründungsjubiläum Québecs eine Möglichkeit dar, den sich durch die kanadische Geschichte ziehenden Konflikt zwischen Anglo- und Frankokanadiern zu thematisieren. So verdeutlicht die Diskussion Befürchtungen und Probleme der frankophonen Minorität im Hinblick auf die Bewahrung ihrer Kultur und Sprache – einer frankophonen Identität. Eine bis in die späten 1950er Jahre vorherrschende Ansicht einer Rückständigkeit der Frankokanadier, konstitutionelle Rückschläge sowie eine negative Bevölkerungsentwicklung der Provinz Québec bei gleichzeitiger Immigration mehrheitlich englischsprechender Menschen stellen Bedrohungen für ein langfristiges Fortbestehen einer frankophonen Kultur dar.
Wenn Premierminister Harper auf der offiziellen Internetpräsenz der Bundesregierung zu den 400-Jahr-Feiern proklamiert, dass „die Gründung Québecs ebenfalls die Gründung des kanadischen Staates markiert“, so schürt er Befürchtungen, dass das Jubiläum durch die Bundesregierung vereinnahmt, als gesamtkanadisches Ereignis inszeniert und somit als identitätsstiftendes Moment der frankophonen Bevölkerung in Nordamerika entwertet wird. Entsprechend schroff reagierte der Vorsitzende des Bloc Québécois, Gilles Duceppe: „Versteht der Premierminister nicht, dass das 400jährige Jubiläum der Stadt Québec eine Feier Québecs und der ‚québécois nation‘ ist – und nicht des kanadischen Staates?“
Die derzeitige Deutungsdebatte über die Rolle der frankophonen Geschichte für die Entwicklung Kanadas am Beispiel des 400jährigen Jubiläums Québecs ist ein Beleg für den anhaltenden Aushandlungsprozess des kollektiven Geschichtsverständnisses und der Formung einer damit verbundenen nationalen Identität der kanadischen Gesellschaft. Um Spannungen und Protesten vorzubeugen hat die kanadische Bundesregierung Ende letzten Jahres bereits angekündigt, dass die englische Königin – bis heute offizielles Staatsoberhaupt Kanadas – an den Feierlichkeiten nicht teilnehmen werde. Eine Anwesenheit Elisabeth II. als obsiegende Kolonialherrscherin bei einem derart symbolträchtigen Gründungsereignis der frankophonen Gesellschaft würde zugegebenermaßen eher als Belastung – wenn nicht gar als Affront – gedeutet werden.