Zahnlose Tiger: Die Gesundheitspolitik der Demokraten
29. Februar 2008 von Lüdde
Ein nettes Detail vieler US-amerikanischer Wahlkämpfe, insbesondere der innerparteiliche Wahlkampf um die Kandidatur für das US-amerikanische Präsidentenamt auf Seiten der Demokraten, ist, dass die politischen Programme Clintons und Obamas in etwa Deckungsgleich sind. Um Inhalte wird zwar auch gefochten, jedoch beschränkt es sich dabei des Öfteren auf den gegenseitigen Vorwurf Programme von einander adaptiert zu haben.
Ich möchte hier auf einen gemeinsamen Aspekt der politischen Programme der beiden Kandidaten für die demokratische Präsidentschaftsnominierung, Hillary Clinton und Barack Obama, hinweisen: Die Gesundheitspolitik. Gesundheitspolitik ist in den USA ein sehr brisantes Thema. Zum einen haben 47 Million (!) US-Amerikaner keine Krankenversicherung (zudem viele mehr ohne eine ausreichende), d.h. sie laufen Gefahr bei einer irgendwann zwangläufig anstehenden Zahnoperation (schließlich können sie nicht einfach zur Prophylaxe gehen) abgewiesen zu werden oder sich bis zum Sankt-Nimmerleinstag zu verschulden, während die volkswirtschaftlichen Kosten trotzdem rasant steigen. Gut gewürzt ist das Thema zum anderen, weil die kompromisslose und schlecht geplante Gesundheitsreform der ehemaligen First-Lady Hillary Clinton 1993 grandios gescheitert ist.
John Edwards hat erneut demonstriert, dass mit Kompromisslosigkeit in solch delikaten Fragen in den USA kein Blumentopf zu gewinnen ist. Als Kandidat in der Nominierung musste er schon deshalb scheitern, weil er sich bewusst mit der mächtigen Pharma- und Versicherungsindustrie und deren Lobbyisten angelegte, indem er wieder eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens gefordert hat. Hillary Clinton hat sich ebenfalls, und das schon im Senat vor dem Präsidentschaftswahlkampf 2008, wieder für eine Gesundheitsreform empfohlen – diesmal aber ist etwas anders.
2008 setzt Clinton (und auch Obama, um es gleich vorweg zu nehmen) auf den inkrementalen Ansatz. Dabei sollen Unternehmen durch Steuernachlässe dazu bewegt werden ihre Angestellten zu versichern. US-Amerikaner, die in Arbeitsverhältnissen ohne arbeitgeberseitige Krankenversicherung leben, sollen durch die negative Einkommenssteuer Mittel bekommen, um so selbst ein Krankenversicherungspaket zu erwerben. Krankenversicherungspakete heißen deswegen so, weil sie als Produkte von privaten Versicherungsgiganten in Form, Inhalt und Preis/Prämien stark variieren. Laut Hillary Clintons politischem Programm werden die Versicherungsunternehmen aufgrund des nach ihrer Wahl ausgeweiteten Wettbewerbs ihre Prämien, die von den Kunden, also den Versicherungsnehmern, zu bezahlen sind, senken (hört, hört!), obwohl diese sich seit 2000 im Durchschnitt verdoppelt haben. Medicaid (eine Art staatliches Gesundheitshilfeprogramm) müsste natürlich weiter existieren um all Jene aufzufangen, die heute und auch morgen durch das weitmaschige Netz der Gesundheitspolitik fallen. Bravo, ein Flickenteppich also.
Es ist in diesem Zusammenhang schon fast zynisch von change zu reden, wie es Obama als Motto (kurz danach dann nicht mehr nur er) nutzt, da im Gesundheitswesen alles beim Alten bleiben wird. Die Versicherungskonzerne können weiterhin horrende Prämien verlangen und die Bürger selbst, oder eben der Staat via Medicaid, werden sie zahlen müssen. Um zu illustrieren wie ineffizient dieses System ist, das Clinton und Obama lediglich fragmentartig reformieren wollen und damit 47 Millionen Amerikaner in die Krankenversicherung und damit die Gesundheitsvorsorge zurückführen wollen (sagen sie jedenfalls), habe ich mir mal die Mühe gemacht die USA in Sachen Kosten und Nutzen ihres Gesundheitssystems mit anderen repräsentativen OECD-Staaten zu vergleichen. Die Diagramme (Quelle: OECD Statistics) lassen folgenden Schluss zu: Die USA haben die höchsten Gesundheitskosten, den geringsten Anteil an öffentlichen Ausgaben an den Gesundheitskosten, die geringste Lebenserwartung und die höchste Kindersterblichkeitsrate innerhalb der verglichenen Länder (Letzteres sind übliche Indikatoren für den Gesundheitszustand der Bevölkerung eines Landes).
Der Hund beißt sich selbst in den Schwanz. Einerseits scheint das Gesundheitssystem auf normalem Wege ohne eine große Krise, wie z.B. die Weltwirtschaftskrise, gegen den Willen der mächtigen Interessengruppen nicht reformierbar zu sein. Das musste Hillary Clinton 1993 schmerzhaft erfahren. Andererseits ist es nicht hinnehmbar, dass das momentane Gesundheitssystem der USA aus Ideenlosigkeit und politischem Opportunismus in der Form bestehen bleibt, da ca. ein Fünftel aller Amerikaner an Gesundheitsunterversorgung zu leiden haben.
Statt ‚change’ oder ‚yes, we can’, könnte man also auch freimütig von ‚same bullshit, different messenger’ (etwa: gleicher Quatsch, anderer Bote) reden, da die Rhetorik vom Wechsel in der Gesundheitspolitik schlicht falsch ist und die Wähler mit diesem Wahlversprechen eher getäuscht werden als alles andere.

Zum obigen Artikel möchte ich hinzufügen, dass ich nicht explizit die 12 Millionen undokumentierten und meist unversicherten Immigraten die die amerikanische Volkswirtschaft am Laufen halten, erwähnt habe. Auch zu diesem unhaltbaren Zustand in den USA haben Clinton und Obama nichts interessantes zu sagen.
Ich glaube das wichtigste ist, sich von dem ganzen Wahlkampf-Image-Tam-Tam nicht blenden zu lassen und statt dessen pedantisch zunächst auf Ziele, sowie nach der Wahl auf konkrete Politik zu schauen.
Same old, same old
Obama scheint immernoch ein ziemlich vages Packet zu sein. Einerseits inszeniert er sich als Kandidat des Wechsels, der Hoffnung und erzeugt somit gleichzeitig einen enormen Erwartungsdruck. Anderseits, sieht man hinter die Wahlkampfrhetorik, dann scheint sie nicht selten genau das zu bleiben: eben Rhetorik.
Du hast es am Beispiel der Gesundheitspolitik deutlich gemacht, und schaut man sich beispielsweise die Zusammensetzung Obamas Außenpolitikberaterteams an, so finden sich darin neben wenigen Neueinsteigern ebenjene Leute, die er in seinem Wahlkampf anprangert: Clinton-Berater, Washington Think Tanker und gar alte Haasen der Carter-Ära. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich kritisiere nicht, dass Obama sich mit erfahrenen Leuten umgibt. Schaut man sich jedoch seine Vorschläge zur Gesundheits- und Außenpolitik an, so stehen diese entweder in keinem Verhältnis oder gar im Widerspruch zu seinem change-Mantra.
Noch zum Thema vages Packet: Du hattest erklärt, dass Obamas und Clintons Gesundsheitpolitikvorschläge sich zu weiten Teilen ähneln. Meines Wissens nach unterscheiden sie sich vor allem wenn es darum geht, inwiefern der Arbeitgeber oder Arbeitnehmer (?) gesetzlich dazu verpflichtet werden soll zu versichern oder sich versichernzulassen. Im Gegensatz zu Obama plädiert Clinton hierbei für eine gesetzliche Verpflichtung. Hast du dazu Informationen?
Paul Krugmann, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler sowie Kolumnist der New York Times, spricht in Zusammenhang mit Obamas Gesundheitspolitik gar von einer “adoption of conservative talking points on the crucial issue of health care” (Adoption konservativer ‘Redepunkte’ zum entscheidenden Thema Gesundheitspolitik).
Obama bleibt ein wenig greifbarer Kandidat. Die Fallhöhe zwischen seiner Rhetorik und seinen substantiellen Programmen scheint dabei beträchtlich.
Schöner Artikel.
Hier noch ein ganz interessanter Artikel vom Economist von dieser Woche über Obamas und Clintons Wirtschaftspolitik (Clinton scheint darin eher linker als Obama zu sein - ganz im Gegensatz zu dem Bild, das wir Europäer vom vermeintlich Linken Obama haben):
http://www.economist.com/world/na/displaystory.cfm?story_id=10766642&CFID=11389662&CFTOKEN=cb15290d693830c6-7E9B2C14-B27C-BB00-012B4C8FFED645A9
Der Vergleich von US- und deutschem Gesundheitssystem zeigt, dass private Sozialversicherungen nicht so toll sind. Öffentliche Versicherungen (übrigens auch in Frankreich) versichern besser und vor allem billiger. Der Anstieg der Gesundheitskosten als Anteil des BIP, unter dem angeblich auch die deutsche Krankenversicherung leidet, ist in den USA viel höher als in Deutschland.
Noch was: Die Graphen sind echt gut - könnt ihr die vielleicht etwas größer machen? So sieht man das nicht so gut.
Zu Care gehört ja noch mehr als Health Care- Wie sieht es denn aus mit Child Care, Altenpflege etc.. ?? Gibt es da Punkte in den Programmen der KanditatInnen der Demokraten?
Auf dem “Washington Watcher”-Blog vom ZDF gibt es einen interessanten Beitrag, der exemplarisch das unzureichende US-Gesundheitssystem illustriert und gleichzeitig auf eine verbreitete Ablehnung der Bevölkerung gegenüber dem Ruf nach dem intervenierenden Staat, hinweist (Auch wenn dies in dem Beitrag vom sozio-ökonomisch ungefährdeten Arzt ausgedrückt wird).
http://blog.zdf.de/us-wahl/2008/04/usgesundheitssystem-entwicklun.html
Dazu gibt es ebenfalls einen Videokurzbeitrag unter: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/482306
ich finde das alles ehr belustigend ^^