Barack Obama: Projektionsfläche für “bessere” Politik?
18. Februar 2008 von durchblick
Wie kommt es eigentlich, dass auf Barack Obama, Kandidat für die US-Präsidentschaftsnominierung der Demokraten, so vielschichtige Hoffnungen projiziert werden und er sie absorbieren kann?
Obamas Mantra ist change. Aber was heißt das? Für ihn ist Politik, wie sie in Washington gemacht wird, beschädigt. Politik ist in den letzten Jahren von Grabenkämpfen geprägt gewesen, so dass eine Zusammenarbeit von Republikanern und Demokraten seit 1994 im republikanisch dominierten Kongress kaum stattfand. Seit Bushs Wahl 2000 wurde durchregiert. Zudem wurden die wenigen Ergebnisse parteiübergreifender Zusammenarbeit, wie z.B. die Iraq Study Group (Baker Commission) oder der McCain/Kennedy-Vorstoß für eine Reform der Einwanderungsgesetze in 2005, von der Bush-Administration ignoriert. Diese politische Spaltung führte zu einer Polarisierung in den USA, so Obama. Politik könne demzufolge nur “repariert” werden, indem dieser Bruch überwunden und gemeinsame Probleme vereint angegangen würden - ohne ideologische Barrieren.
Moment! Obama ist weder ein Linker, noch der Anti-Bush, dessen “bessere“ Politik, wenn er als Präsident gewählt würde, die vergangenen acht Jahre rückgängig machen wird. Tatsächlich ist sein Bild viel komplexer: Hervorgehoben wird der Anfang Obamas politischer Karriere als junger community-organizer in der armen, afroamerikanisch geprägten Chicagoer South Side. Hier, so wird ihm nachgesagt, hat er gelernt zuzuhören, Verständnis aufzubringen und Kompromisse zu schließen. In der Folge wurde er 1996 von einer ethnisch und ökonomisch gemischten Wählerschaft und ohne die Unterstützung des Chicagoer Demokraten-Establishments in den Senat des US-Bundestaat Illinois gewählt. In einem Artikel im New Yorker beschreibt Harvard-Politologe Robert Putnam Obamas Fähigkeiten nicht zu polarisieren und stattdessen Gemeinsamkeit hervorzuheben: “In our seminar […] he would say, I hear Jane say such and such, Tom seems to disagree on that, but then Tom and Jane both agree on this.”
Obamas Konsensfähigkeit rührt wohl auch aus seiner persönlichen Geschichte: Mutter weiß (Kansas), Vater schwarz (Kenia), Kindheit in Indonesien und Hawaii, College in Kalifornien und New York, community-organizer im Mittelwesten (Chicago), Jurastudium in Harvard (Boston) und Senator von Illinois.
Obamas vielschichtiger Hintergrund ermöglicht es ihm nicht nur breite demokratische Wählerschichten anzusprechen, sondern auch Republikaner für sich zu gewinnen. Dies drückt sich durch sein hohes Spendenaufkommen und die verschiedenen ihn unterstützenden Bewegungen, wie z.B. “Republicans for Obama”, aus.
Der Punkt ist, dass Obamas konservative Seite in Deutschland nicht gesehen wird. Sein tiefer Respekt vor Traditionen und seine Ablehnung von revolutionären Methoden und Generalisierungen sind im deutschen Obama-Bild nicht existent. Für Obama kann die Welt nur “sehr, sehr langsam” (New Yorker, Mai 2007) verändert werden. Stabilität und Kontinuität sind zentrale Aspekte in seinem Politikverständnis. Sein Wahlkampfmantra change ist vor diesem Hintergrund zu verstehen; nämlich nicht als radikaler Bruch oder revolutionärer Reformeifer. Eine “bessere” Politik kann nur in Form eines evolutionären Prozesses erreicht werden. Voraussetzung hierfür ist, Obama zufolge, eine Zusammenarbeit Aller, über Grenzen innerhalb der Gesellschaft hinweg, die die Gemeinsamkeiten der USA in den Vordergrund stellt.
In seiner Herangehensweise an das Thema Armutsbekämpfung geißelt Obama im Gegensatz zu Hillary Clinton oder John Edwards nicht explizit die Reichen und sie begünstigende Steuersenkung. Stattdessen betont er die Tradition der Nächstenliebe und der Pflicht für die Armen zu sorgen und trifft damit auch bei den Republikanern den konservativen Ton.
Was bleibt also? Obama würde nicht einfach die Wünsche der Bush-Gegner erfüllen. Ein Präsident Obama wäre kein politischer Messias (Spiegel, Heft 07/2008), der ganz plötzlich uneingeschränkten Multilateralismus, eine universale Krankenversicherung und Kyoto umsetzt. Sein Politikverständnis ist vielschichtiger, als in Deutschland landläufig angenommen. Obamas konservative Seite wird hierbei unzureichend dargestellt, wobei es eben genau diese ist, die ihn im Gegensatz zu Hillary Clinton auch für Republikaner wählbar macht und ihn somit als Hoffnungsträger einer breiten Wählerschaft erscheinen lässt.
Eine interessante Analyse aus deutscher Sicht. Auf den Punkt gebracht: Bush wird gehasst und daher soll ein Wechsel her. Obama soll diesen bringen, wird dabei aber falsch eingeschätzt.
Was mir in der Analyse fehlt und ich viel interessanter finde, ist der Aspekt der Rasse und des Geschlechts, der ja vielmehr noch die Gemüter erhitzt. Politologen und Experten können so viel über Obamas wahren Werte streiten, wie sie möchten. Am Ende heißt es: 1. Frau oder 1. Schwarzer. Das ist die historische Bedeutung, deren sich die Wähler wirklich bewusst sind.
Ich denke Obama macht das Rennen, weil er nämlich, und das kommt in der Analyse sehr gut rüber, doch auch konservativ ist, und damit auch Republikaner mobilisieren kann. Ganz im Gegensatz zu Hillary, die Republikaner schon aus Protest nicht wählen würden.
Mir wurde erst spät klar, welches Thema der Text zu haben scheint.
Wo liegt hier der Schwerpunkt? Ist es der Grund warum Obama Projektionsfläche ist oder das Fehlen wichtiger Facetten seiner Politik in der deutschen Meinung?
Erst ab dem sechsten Absatz ist von dieser zu lesen, davor bleibt alles sehr allgemein und zeigt Obamas Hintergrund und Teile seines Appeals auf.
Für mich wäre es einleuchtender gewesen, direkt davon zu sprechen, was in der deuschen Meinung gegenwärtig ist, dann zu den fehlenden Aspekten überzugehen.
So erscheint mir der Text als informative Mischung aus Aufklärung über Obamas Hintergründe und politische Denkweise und dem was hierzulande ignoriert wird.
Zu Robse:
“Am Ende heißt es: 1. Frau oder 1. Schwarzer.” Oder es heißt wieder ein weißer Mann, mit John McCain.
Die Frage, ob erstmalig ein Afroamerikaner oder eine Frau als US-PräsidentIn gewählt werden würde, scheint mir eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Eine strenge Aufspaltung der jeweiligen Wählerschaft für Obama oder Clinton entlang Geschlechterlinien ist nur bedingt ablesbar. Hier sind es vor allem junge Frauen, die zu Obama tendieren, während es Ältere sind, die Clinton wählen. Im Hinblick auf ethnische Zugehörigkeit (race) ist ebenso keine klare Verteilung festzumachen. Obama hat im Gegensatz zu Clinton deutlich größeren Zuspruch unter der afroamerikanischen Bevölkerung. Gleichzeitig ist er in weißen Bundesstaaten erfolgreich und konnte sogar bisher alle Staaten im stark weiß geprägten mittleren Westen für sich gewinnen.
Obamas Ergebnisse im mittleren Westen und seine erfolgreichen Wahlen im konservativen Süden könnten eine wichtige Rolle spielen, da es eben jene Regionen sind, in denen McCain nur wenige republikanische Vorwahlen gewinnen konnte. Obamas Rhetorik einer traditionelle Barrieren (race, gender, class, politische Zugehörigkeit) transzendierenden Einheit der US-Amerikaner und die damit verbundene Bereitschaft sich konservativen Kräften nicht zu verschließen, könnten im Falle seiner Nominierung wichtige Faktoren sein, mit denen die republikanische Wahlkampfmaschinerie und McCain zu kämpfen hätten.
Zu Phül:
Obama hat einige politische Facetten, die hier in Deutschland weniger beachtet werden. Die Frage drängt sich auf warum das so ist. Nun, an dieser Stelle kann ich wahrscheinlich schmerzfrei behaupten, dass die Leute hier und anders die Nase haben voll von Bush als Präsidenten und deswegen gern glauben, dass die, die vorgeben nun alles anders zu machen, tatsächlich andere Politik machen werden.
Im Grunde, hast du es ja genannt und ich verknüpfe es hier noch einmal frei: Obama ist die momentane Projektionsfläche für politischen Wandel (aus der Not der gegenwärtigen politischen Lage heraus). Daraus folgt, dass die Medien, die die Haupttransporteure von Meinungen sind UND die Leute selbst, bestimmte politische Facetten Obama’s ausblenden.
Erst mal viel Glück mit eurem neuen Blog - wird bestimmt interessant.
Eins würde mich aber interessieren: Ich habe neulich versucht, herauszufinden, was denn die konkreten Policies von Obama sind. Habs nicht herausgefunden, weil es gerade nur um die Wahl geht.
Bei Hillary weiß man ja zum Beispiel, dass sie eine umfassende Krankenversicherung einführen will. Wie siehts mit Obama aus? Was will der konkret?
Zu Lindner:
Analysen oder Berichte, die Obamas Positionen zu Schlüsselfeldern unter die Lupe nehmen, gibt es in den deutschsprachigen Nachrichtenportalen im Internet tatsächlich kaum. Dort beschränkt sich die Berichterstattung hauptsächlich auf aktuelle Entwicklungen und Wahlergebnisse. Selbst die politischen Stiftungen, wie die Adenauer- oder Ebert-Stiftung oder die Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) bieten nur schnellverdauliche, teilweise veraltete Zusammenfassungen und verweisen lieber auf weitere Medien.
Wenn das Englisch also noch halbwegs in Schuss ist, sind die US-amerikanischen Medienseiten und natürlich die Internetseiten der Kandidaten selbst als Informationsquelle zu empfehlen:
http://www.barackobama.com/issues - offizielle Internetseite Barack Obamas
http://politics.nytimes.com/election-guide/2008/issues/index.html#/context=index/issue=health - Überblicksseite der New York Times aller Kandidaten und ihren Positionen zu Schlüsselthemen.
http://projects.washingtonpost.com/2008-presidential-candidates/barack-obama - Seite der Washington Post zu Barack Obama
Allgemein scheinen sich Obamas und Clintons Positionen nur geringfügig zu unterscheiden. Ähnlich wie Clinton spricht sich Obama für einen Ausbau des Gesundheitssystemes aus, ist aber zurückhaltender, wenn es um eine gesetzliche Verpflichtung geht. Genauso herrscht zwischen beiden Kandidaten Konsens über einen baldigen US-Truppenabzug aus dem Irak. Unterschiede gibt es hier vor allem im Zeitplan. Es sind also eher Schattierungen als grundlegende Differenzen zwischen Obama und Clinton.